Arif Anwar: Kreise ziehen

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Arif Anwar: Kreise ziehen

Der Roman spannt, in unterschiedliche Kapitel aufgeteilt, einen zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis in das Jahr 2004 und einen räumlichen von Indien/Pakistan/Bangladesch bis in die USA. Verbunden sind die Zeiten und Räume durch das Schicksal und Leben von Personen, ihre Vorfahren und ihre Kinder, ihre sozialen Kontakte und ihre gewaltvollen Gleichzeitigkeiten durch Krieg und Kolonialismus. Die Kapitel sind zu Beginn eine schnelle Abfolge von Lebensfragmenten und enden jeweils in Situationen krisenhafter Zuspitzungen, um in eine andere Epoche und zu anderen Menschen zu springen, deren hier erzähltes Lebensfragment dann wiederum ebenso krisenhaft mitten in einer schwierigen Situation mündet, um einem weiteren Kapitel Platz zu machen. Die Verbindungen legen sich, wie häufig bei dieser Art von Romanen, erst nach und nach offen und machen auf diese Weise eine Verwobenheit unterschiedlicher Leben deutlich, die auf einer expliziten Ebene wahrscheinlich nichts voneinander wussten oder ahnen. Der Schlüssel der Erkenntnis liegt häufig im Erzählen und Worten der eigenen Erfahrungen und dem Teilen der sozialen Geheimnisse, die die Beziehungen durchweben und auf diese Weise untergründig weiterleben und das Leben aller nachhaltig und über Generationen beeinflussen.

Neben allem anderen dieses äußerst fesselnd geschriebenen Romans habe ich als weiße westeuropäische Person auch etwas über die Trennung von Indien und Pakistan und die Trennung von Bangladesch von Pakistan im Zuge der Entkolonisierung gelernt – der Rolle von Religionen als trennend in und durch Kolonialismus und den vielfachen Erbschaften von Kolonialismus, die das Leben und die Lebensmöglichkeiten von Menschen bis heute prägen und über die Kontinente hinweg auch Class-Differenzen herstellen und bestätigen.

Eine zentrale Person in dem Roman ist Shahryar, die 2004 in den USA nur noch 3 Monate hat, bis sein Visum ausläuft und er zurück nach Bangladesch müsste. Das würde bedeuten, er könnte seine Tochter, die bei der Mutter in den USA lebt, nicht weiter sehen, denn nach 9/11 ist die Wahrscheinlichkeit für eine muslimische Person aus Bangladesch ein erneutes Visum zu bekommen, denkbar gering. In Bangladesch hingegen ist Shahryar der späte Nachkomme einer reichen und gebildeten Familie und hat selber mit Auszeichnung seine Dissertation in Politikwissenschaften in den USA abgeschlossen. Dies aber – klassenmäßige Herkunft und hohe Bildung – zählen nichts im Angesicht einer in den USA pauschal als Bedrohung hergestellten muslimischen Identität. Neben dem Versuch einen Aufenthalt abzusichern, taucht das Buch ein in die Geschichte Shahryars, auch lange vor seiner Geburt und die Verquickungen in und durch die kriegerischen Handlungen zwischen den kolonisierenden Brit*innen und den Japan*erinnen in u.a. Burma. Der Roman zeigt auf, wie dies alles mit zu dem Punkt beigetragen hat, an dem Shahryar heute steht. Doch auch jenseits der ganz konkreten historischen Bezugnahmen entfaltet der Roman nicht nur eine Kritik an Kolonialismus und seinen Folgen, sondern an Krieg mehr allgemein und immer wieder ganz konkret an Patriarchat – und dies sehr kunstvoll eingewoben in eine komplexe und bis zum Ende spannende Erzählung.

Dieser große und wichtige Roman macht auf einer Metaebene deutlich, wie Menschen sich miteinander verbinden und miteinander verbunden sind, unabhängig davon, ob sie biologisch verwandt sind. Alleine schon deshalb ist der Roman eine wichtige und viel zu seltene Stimme.
Unbedingt und sehr lesenswert!

Für wens ist das Buch zum Lesen zu empfehlen?
Für alle, die spannende und komplexe Geschichten mit einem historischen Hintergrund mögen. Der Roman ist sehr gut geschrieben und sehr gut zu lesen und eröffnet für weiße westeuropäische Menschen wie mich viele neue Perspektiven auf Welt und Zusammenhänge. Für Menschen, die mehr lernen möchten über die Wirkungen von Kolonialismus bis heute.

Was sonst noch?
Das Buch beinhaltet viele feministische Zitate, die die Macht von Unterdrückungsverhältnissen sehr gut auf den Punkt bringen. Die Kritik an Sexismus ist beeindruckend klar und deutlich formuliert und hat mir sehr imponiert. Selten habe ich die strukturellen Auswirkungen von Sexismus so klar formuliert gelesen in einem Roman.
Der englischsprachige Originaltitel „The Storm“ passt meines Erachtens sehr viel besser zu diesem Buch als der deutsche Titel „Kreise ziehen“. Das Motiv des Sturms durchläuft den Roman und ist auch ein ganz konkreter historischer Moment einer massiven Naturkatastrophe in dem nahezu auf Meeresspiegelhöhe liegenden Bangladesch.
An ein paar Stellen und in Bezug auf ein paar Inhalte hätte ich mir ein Lektorat gewünscht, welches geschafft hätte, die Geschichte nicht punktuell zu überfrachten mit Bezügen und Inhaltsschwere.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Arif Anwar (2019): Kreise ziehen. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags

Aut*orinneninfo über Arif Anwar auf der Website des Verlags

Copyright Coverfoto: Verlag Klaus Wagenbach