Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte

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Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte

Dieser Roman ist ein Geschenk, um zu verstehen, wie Rassismus und Sexismus das Selbstbild und Leben von Menschen grundlegend prägt. So grundlegend, dass sie ihre Handlungen und Empfindungen als zutiefst persönlich begreifen und die Verinnerlichung der Diskriminierung gar nicht als solche wahrnehmen können.

Durch das Nebeneinanderlegen unterschiedlicher Perspektiven, die alle aus sich und in sich schlüssig und nachvollziehbar sind, gelingt es Celeste Ng in diesem großartigen Roman aufzuzeigen, wie tiefgreifend strukturelle Gewalt die Selbst- und Fremdwahrnehmung durchzieht, dass sie auch zu dem Verlust von Kontakt, Begegnung oder sogar zum Tod führen können.

Die Rahmenhandlung – ein Kind ist verschwunden und wird später tot gefunden, wird in Rückblenden des familiären Zusammenlebens einer Mittelstandsfamilie in den U.S.A. aus den Selbstverständlichkeiten allgemeiner Deutungen auseinandergenommen. Celeste Ng vermag es in genialer Weise, die unterschiedlichen Perspektiven der weißen Mutter und des PoC-Vaters beispielsweise nachvollziehbar zu machen, indem sie ihr Verhalten und ihre Deutungen des Verhaltens anderer zurückführt auf die diskriminierende Sozialisation (Sexismus für die Mutter, Rassismus für den Vater) der beiden. Beide versuchen von der Gewaltstruktur loszukommen, sofern sie sie sich bewusst machen können. Beide versuchen ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie es für sich selbst empfunden haben.

In einer einzigartig gewebten Geschichte entspannt sich hier ein Netz struktureller Diskriminierung als Lebens- und Handlungsgrundlage mit teilweise widersprüchlichen, fatalen Konsequenzen für die Beteiligten. Da diese ihre Geschichten und ihre Scham mit sich selbst abmachen, reden sie nicht über ihre Deutungen, sondern sind von ihnen überzeugt, da sie zu gut in das bisherige Leben passen. Auf diese Weise entstehen Missverständnisse und Entfernungen, die durch Reden miteinander hätten überbrückt werden können. Die eigene Diskriminierung aber ist so stark normalisiert, dass es von den beteiligten Personen gar nicht mehr als solches, als Außerordentlichkeit, wahrgenommen und entsprechend auch nicht angesprochen wird. In einmaliger Weise führt der Roman vor, wie aus der strukturellen Diskriminierung eine sprachlose Normalität entsteht, die fast unausweichlich zu einem Nicht-Verstehen und aneinander Vorbeileben der Beteiligten führen muss.

Gibt es in dieser umfassenden Prägung durch strukturelle Gewaltregimes also überhaupt so etwas wie Hoffnung auf Veränderung, Begegnung und Heilung? Die Antwort darauf ist dem eigenen Lesen dieses grandiosen Romans überlassen.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Celeste Ng (2015): Was ich euch nicht erzählte. München: dtv.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags dtv

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Copyright Coverfoto: dtv