Karen Köhler: Miroloi

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Karen Köhler: Miroloi

Für welche Personen würde ich das Buch zum Lesen empfehlen?
Grundsätzlich: Für alle. Ich finde das Buch grandios. Grandios geschrieben, konzipiert, umgesetzt. Es hat so unglaublich viele wichtige Ebenen einer Auseinandersetzung zu Gewaltdimensionen. Für Menschen, die über sehr grundlegende Lebensfragen miteinander diskutieren wollen, würde ich es unbedingt zum gemeinsamen oder parallelen Lesen empfehlen.

Eine Insel, im Mittelmeer. Fernab vom sonstigen Leben. Irgendwann im letzten Jahrhundert, es gibt Hubschrauber auf der Welt, Beamte, Tageszeitungen. Es gibt noch kein Internet, kein Telefon. Alles das gibt es auf der Insel nicht. Ein Hubschrauber fliegt einmal über die Insel, zur großen Verwunderung der Bewohn*erinnen. Ein Beamter kommt, aus der fernen Stadt, und macht dem Dorf deutlich, dass es ihm an Strom mangelt und dieser kommen wird – und damit auch die Steuern, die zu entrichten sind an ein System weit weg, was Hauptstadt und Regierung heißt. Das alles ist eine große Verwunderung für das Dorf, welches außer dem Händler und dem einmal im Jahr für ein paar Wochen kommenden Arzt, keine Verbindung mit einer Welt jenseits dieser Insel hat. Ein hermetisch abgeschlossener, von Meer umgebener Raum. Ein Dorf, weit oben, auf halbem Hügel, der, wird er bestiegen, den Blick aufs Meer freigibt, über den der Händler regelmäßig kommt.

Das Dorf, dort weit weg im gedachten Mittelmeer, ist ein Universum für sich, mit eigenen Regeln und Ritualen, mit eigenen Ordnungen und Machtstrukturen. Das alles wird erzählt aus der Perspektive eines 16-jährigen Mädchens – nicht erzählt, sondern gesungen, als Todesgesang – Miroloi – auf sich selbst, in 128 Strophen. Das Miroloi singen bei anderen die Hinterbliebenen, erzählen von dem Leben, ihrem Erleben des Lebens der verstorbenen Person und schaffen ihr so ein Andenken. Ein schönes Ritual, denke ich beim Lesen. Wie so viele der erzählten Rituale im Dorf. Die Feiern, die die Ernte und den Beginn der Helligkeit im Jahr nach langer Dunkelheit begehen, die Rituale des Kräutersammelns, Brotbackens und Nachrichten-Hörens von einem eigens dafür im Dorf erkorenen Nachrichtensprecher. Überhaupt scheinen alle eine Position und eine Aufgabe zu haben im Dorf. Es gibt kein Geld, alles ist Gemeinschaftsbesitz und wird je nach Bedarf vom Materiallager aus verteilt. Bis dahin also ein Idyll.

Doch auch mitten im Idyll, so wird schnell klar, finden sich Schwierigkeiten, Machtungleichgewichte und Machtspiele. Wer bestimmt darüber, was vom Händler dableiben darf auf der Insel und was nicht? Wer bestimmt darüber, welche Person welche Schuhe bekommt, wieviele von den Bananen? Sehr schnell wird die durchgängige sexistische Grundstruktur des Dorfes klar – eine Struktur, die so unhinterfragbar scheint, dass sie zu einer gewaltvollen Normalität geronnen ist. Es gibt Frauen und Männer und wirklich alles ist aufgabentechnisch gegendert: Was Frauen machen, machen Männer nicht und umgekehrt. Die klassische zweigenderungs-sexistische Struktur, dass Frauen für die Familie, Versorgung und Pflege zuständig sind, Männer fürs Öffentliche, Verwalten und Bestimmen, ist hier wie selbstverständlich für fast alle Dorfbewohn*erinnen gelebt. Alles ist in heterosexuellen Kleinfamilien organisiert, Männer verfügen in der Familie und auch im ganzen Dorf über die Frauen – Ehefrauen und Töchter, mal mehr mal weniger körperlich brutal.

Das Recht aber des Dorfes ist immer auf ihrer Seite, Frauen sind Besitz und für jegliche Versorgung, das Aufziehen der Kinder und Care-Arbeiten zuständig. Frauen dürfen nicht lesen und schreiben lernen. Und werden auch, als Lohn für den Arzt, ‚ausgeliehen‘. Die sexistische Grundstruktur wird, je weiter der Roman geht, immer mehr und mehr in seiner Brutalität offensichtlich. Die unglaublich bis in Details brutale patriarchale Struktur des Dorfes fächert sich weiter und weiter auf, das Strafsystem eines Anprangerns am Pfahl in der Mitte des Dorfes ist nur ein sehr krasser Ausdruck einer undurchdringlichen selbstgerechten patriarchalen Struktur. Das System also, das scheinbare Idyll, entpuppt sich mehr und mehr als ein gewaltvolles, strukturell geschlossenes Gefängnis, in dem nur einige ein gutes Leben führen – sofern ein Leben auf Kosten anderer überhaupt als gut bezeichnet werden kann.
Diese Struktur wird neben dem Gemeinderat getragen durch das Kirchenoberhaupt. Die Form der Religion ist im Roman wie so vieles mit Ausnahme der Normalität von Zweigeschlechtlichkeit allgemein gehalten, das Oberhaupt heißt ‚Betvater‘, die heilige Schrift Khorabel, was als eine Mischung aus Koran und Bibel lesbar ist. Es zeigt sich: die sich so gegenseitig stützenden Strukturen von sozialer und religiöser Gemeinschaft in diesem Falle sind nicht an eine spezifische Gemeinschaft, sozial oder religiös, gebunden. Sie folgen bestimmten Macht- und damit Gewaltmustern, die alle ganz grundlegend auf Zweigenderungs-Sexismus aufbauen und diesen normalisieren.

Der Roman führt also langsam und stetig, aus Sicht einer 16-Jährigen im Singen ihres eigenen Totengesangs als Leben in diesem Dorf, verschiedene Ausformungen von Patriarchat vor – mit allen möglichen Konsequenzen. Eine unter vielen ist die Verinnerlichung von Gewaltstrukturen, die sich in Alltags- wie auch in Krisensituationen im Verhalten derjenigen zeigt, die im patriarchalen System diskriminiert werden – hier vor allem Frauen. Es gibt Stellen, die Zweigenderung an sich in Frage stellen. Und auch Stellen, die Heteronormativität ganz leicht als gemachte Norm aufscheinen lassen. Es sind eher kleine Stellen im Buch, auch wenn ich den gesamten Roman als eine umfassende Kritik an zweigegendertem Sexismus lese. Hannah Arendts Satz ‚Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen‘ ist dem Roman vorangestellt und wirft einen weiteren Blickwinkel oder Schatten auf das Geschriebene: Gibt es eine Position jenseits des Gehorchens? Braucht es dazu die Fähigkeit sich selbst in eine größere Relation zu setzen durch Lesen- und Schreiben-Können?

Die 16-Jährige, ich nenne sie hier vorausgreifend Alina, war einmal ein Findelkind und wächst beim Betvater auf und macht dort den Haushalt. Sie untersützt ihn auch in seinen religiösen Pflichten. Im Dorf selbst ist sie eine Ausgestoßene, eine, die für Unglück und Schäden verantwortlich gemacht wird. Sie gehört nicht zum Dorf, sie ist ‚von Drüben‘, vielleicht. Die Herkunft ist unklar. Alina hat neben dem Betvater eine Fürsprecherin in einer älteren Frau im Dorf, Mariah. Durch sie und mit ihr lernt Alina irgendwann auch andere Formen von Wissen und Widerstand kennen – und ein Sein, welches dieses Wissen für die Mächtigen unwahrnehmbar macht. Durch den Betvater lernt Alina lesen und schreiben, heimlich, denn käme dies heraus, wäre es ihr Ende. Das Lesen und Schreiben eröffnet ihr neue Dimensionen ihrer selbst, ein neues Verständnis des Dorfes und der Religion. Es eröffnet ihr ein kritisches Verständnis und damit eine eigene heimliche Machtposition. Es ermöglicht ihr eine Distanz zu den Zurichtungen und Normalisierungen, die durch Gemeinde- und Kirchenregeln ihr auferlegt werden.

Gleichzeitig, in einer komplex aufgebauten Erzählung, werden immer auch wieder Ambivalenzen – von Wissen, Wissen-Können, von Regeln und ihrer Einhaltung deutlich. Das System aber, mit allen kleinen Möglichkeiten sich individuelle oder auch kollektive Freiräume zu schaffen, bleibt geschlossen. Eine Insel, auf die kein anderes Wissen und keine anderen Menschen kommen können und sollen. Auf diese Weise normalisiert sich auch ein patriarchales System, zu dem eine Alternative nicht einmal denkbar erscheint. Auch als Alina lesen lernt und schließlich ein mehrbändiges Lexikon durcharbeitet, werden die eigentlichen Fragen nicht beantwortet, was gleichzeitig auch als eine Kritik an rationalem Wissen lesbar ist.

Der Roman ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Krimi, eine äußerst berührende Erzählung, in der die normalisierte Brutalität von Ausgrenzung, Namenlosigkeit, Schuldzuschreibungen und sexistischer Gewalt mitunter kaum auszuhalten ist. Gleichzeitig eröffnet der Roman grandios einen wie unverstellten Blick auf sich so normal und natürlich, so unhintergehbar anfühlende Systeme kollektiver Organisierung. Die Perspektive von Alina ist eine des Glaubens an Menschen und Menschlichkeit, eine Perspektive des Verbunden-Seins mit Natur und allem Lebendigen. Alina spricht ihr Miroloi – den Roman – in einer ganz eigenen Sprache, mit der sie zugleich ein Stückweit eine Sprachwiderständigkeit lebt.
Diese Wortneuerungen, vor allem neue Komposita, die neue Fragen eröffnen darauf, was Identität ist beispielsweise, was es heißt ein herzensnahes, gegenwärtiges Leben zu führen, sind Teil eines unglaublich schönen, mitnehmenden, berührenden Erzählstils. Dieser zeigt sich auch in ungewohnten formalen Entscheidungen – nicht nur die Strophenform, sondern auch außergewöhnliche Kapitelentscheidungen sind Teil davon.

Dieser Roman ist groß für mich, unglaublich viel größer, als ich hier in diesem kurzen Text preisgeben will und kann. Er ist wichtig, unglaublich viel wichtiger als er vermutlich an Stellenwert in einer literarischen Öffentlichkeit bekommen wird – was fast selbsterklärend ist in einer so grundsätzlichen patriarchalen Wirklichkeit, wie der, in der wir leben. Auch das macht der Roman letztendlich deutlich. Er stellt grundlegende Fragen und eröffnet Perspektiven, die Selbstverständlichkeiten entverselbstständigen. Sich darauf einzulassen, kann Mut erfordern, auch für sich selbst Konventionen zu entnormalisieren. Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen, sagt Hannah Arendt.
 Das Buch bietet unglaublich viele, unglaublich vielschichtige, berührende beeindruckende Möglichkeiten, sich damit im eigenen Leben und Erleben des Gelesenen zu beschäftigen.

Was sonst noch?
Die detaillierte Kritik an religiösen und staatlichen Verschriftlichungspraktiken ist ebenso grandios wie die in die Erzählung eingebaute Auseinandersetzung zu verschiedenen Seiten eines Verschleierungsver- und -gebots von Frauen im Rahmen patriarchaler Strukturen. Die Diskussionen zur Verinnerlichung von Gewalt sind für jedes Seminar sehr gut geeignet.
Ich liebe die unglaubliche Sprachkreativität des Romans, der zeigt, dass es möglich ist, sich Sprache selbst wieder anzueignen.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Karen Köhler (2019): Miroloi. München: Hanser Verlag.

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Copyright Coverfoto: Hanser Verlag