Regina Porter: Die Reisenden

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Regina Porter: Die Reisenden

Das Diagramm auf den Innenseiten des Buches verdeutlicht hervorragend, was dieses Buch zeigt: ein Netz von Beziehungen zwischen Menschen über zwei verschiedene Familien hinweg, die sich über die Jahrzehnte miteinander verweben, begegnen, nicht kennen, parallel leben – und doch in allem so unterschiedliche Möglichkeiten haben und leben können: die eine Familie wird diskriminiert durch Rassismus, die andere ist privilegiert in Bezug auf Rassismus.
Dies ist gebrochen und verfließend in intersektionalen Lebensverhältnissen, in denen Gender, Klasse, insbesondere Bildung und Geld, sowie Sexualität auch entscheidende Rollen dafür spielen, welche Chancen die jeweiligen Menschen haben und mit welchen diskriminierenden respektive privilegierenden Verhältnissen sie in ihrem Leben konfrontiert sind – auch wenn an vielen Stellen deutlich wird, dass Rassismus auch Klassen- und Genderprivilegien brutal durchzieht.

Es gibt kein Leben jenseits der Diskriminierungsstruktur – das wird in diesem vielschichtigen und spannenden Roman umfassend verdeutlicht. Die einzelnen Geschichten von Individuen, deren Zusammenhänge sich häufig nur durch die netzgleiche Zeichnung der Verbindungen im Umschlag entschlüsseln lassen, fächern ein Kaleidoskop von Kontakten auf, Lebenschancen, Entscheidungen, die für die Einzelnen vielleicht individuell wirken, für sie als durch Rassismus positionierte jedoch ganz grundlegend bedingt sind durch die Diskriminierungsstrukturen, in denen sie sich befinden.

Jede einzelne Geschichte ist mehr eine Episode aus dem Leben einer Person und bildet doch mit allen anderen zusammen eine sich über fast 80 Jahre erstreckende Zeit des Lebens in den USA an verschiedenen Orten im 20. und 21. Jahrhundert. Viele der Kapitel werden eingeleitet mit einer Fotografie, die die Idee, dass es sich hier lediglich um eine Abbildung des Lebens an sich handelt, noch mal unterstützt. Die einzelnen Geschichten sind dabei so spannend geschrieben, dass es jedes Mal ein Bedauern ist weiterzugehen bzw. zu lesen zur nächsten Person und Zeit. Auch wenn die Geschichten sich überschneiden, in Bezug auf Zeiten und Orte, Liebesbeziehungen und Familiengründungen, so zeigen sich doch, wie grundlegend Rassismus das Leben von Menschen prägt und zurichtet.
Unbedingt lesenswert!

Für wens ist das Buch zu lesen zu empfehlen?
Menschen, die Yaa Gyasis Homegoing gerne gelesen haben und Bernadine Evaristos Girl Women Other, werden auch diesen Roman sehr mögen. Die Netzstruktur der Verbindungen von Menschen und Familien ist hier eine lesende Herausforderung und ein geniales Muster in einem. Der Roman erfordert große Aufmerksamkeit beim Lesen, um die einzelnen Fäden zusammenhalten zu können und mit der Komplexität des Erzählens mitkommen zu können – deshalb würde ich ihn nur lesen mit viel Zeit, um nicht aus der Geschichte zu fallen.

Was sonst noch?
Ich habe – unter anderem – verstanden, wie grundlegend Gewalterlebnisse das gesamte Leben prägen können, auch wenn dies nie ausgesprochen ist. Dies darzustellen und auszuleuchten, setzt dieser Roman grandios um in einer beeindruckenden Rahmenerzählung, die sich tatsächlich erst am Ende auflöst.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Regina Porter (2020): Die Reisenden. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags

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Copyright Coverfoto: S. Fischer Verlag