Tag: rezension

Eva Meijer: Vorwärts

Eva Meijer: Vorwärts Worum geht's? 5 Menschen zwischen 20 und 30 ziehen Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts von Paris aus aufs Land. Sie wollen dort zusammenleben: jenseits von Paarnormen, jenseits von einer Menschenfokussierung in Verbindung mit der Natur, dem Land, sich selbst, den Nachbar*innen. Sie verstehen sich als Anarchist*innen und kommen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. Vier von ihnen kommen als zwei Heteropaare. Der erste Teil des Romans von Eva Meijer besteht aus Teilen des Tagebuchs von Sophie Kaizowski und lässt die Lesenden das Leben dieser Gemeinschaft in Blitzlichtern über ein Jahr hinweg vom 1. Mai 1924 bis 23. Mai...

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Luna Al-Mousli: Um mich herum Geschichten

Luna Al-Mousli: Um mich herum Geschichten Dies ist ein höchst ungewöhnlicher, kleiner Roman. Denn er erzählt in kurzen Kapiteln aus der Sicht von Gegenständen Ausschnitte aus dem Leben von miteinander eng verbundenen Menschen. Bevor ich dieses Buch – ein Geschenk – angefangen habe zu lesen, hätte ich nicht gedacht, dass mich das interessiert: wie ein Laptop, eine gerahmte Urkunde, ein Sakko auf das Leben ihrer Besitz*erinnen schaut. Doch nur nach der ersten Seite schon bin ich eingenommen von dem Stil. Und auch von der ungewöhnlichen Perspektive. Die Gegenstände haben ein sehr großes Mitgefühl mit ihren Besitz*erinnen. Sie sind treu, zuverlässig,...

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Celeste Ng: Unsre verschwundenen Herzen

Celeste Ng: Unsre verschwundenen Herzen Direkt zu Anfang: Dieser Roman ist eine unbedingte Leseempfehlung! Ich bin ein großer Fan von Celeste Ngs Romanen, die für mich in herausragender Weise alltägliche Umgänge mit komplexen strukturellen Diskriminierungen anhand konkreter Menschen und ihrer Geschichten behandeln. Diesem Schwerpunkt von Celeste Ngs Schreiben bleibt die Autorin auch in Unsere verschwundenen Herzen treu. Hier wie auch in den vorangegangen Büchern ist dieses Grundsujet gekleidet in eine fast kriminalistische, auf jeden Fall sehr spannende Geschichte, die in der Zukunft angesiedelt ist. Im Zentrum des Romans steht Bird, ein zwölfjähriges Kind, das in einer durch und durch kontrollierten,...

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Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Worum geht's? Es geht um Arthur, größtenteils aus der Sicht von Arthur. Arthur war etwas über zwei Jahre im Gefängnis und ist jetzt in einer einjährigen 'Resozialisierungs'-Maßnahme, wohnt in einer post-Knast betreuten WG. Arthur hat einen Therapeuten zugeteilt bekommen, Börd, der eher ungewöhnliche Maßnahmen vertritt. Unter anderem soll Arthur Börd Tonaufnahmen von seinem Leben machen, von sich erzählen. Arthur war bisher eher eine wortkarge Person und tastet sich langsam an das Erzählen heran. Dies ist in einzelnen Kapitelteilen wiedergegeben und leitet nahtlos zu einer Erzählung über, die Arthurs Leben nach und nach rückblickend auffächert:...

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Deborah Feldman: Judenfetisch

Deborah Feldman: Judenfetisch Nach Unorthodox und Überbitten ein neues Buch von Deborah Feldman, in einem neuen Verlag (Luchterhand). Wie Unorthodox und Überbitten ist auch Judenfetisch ein autobiografisch gefärbtes Buch. Während die beiden erstgenannten Bücher das Aufwachsen der Autorin in einer orthodox-jüdischen Enklave in New York behandeln, ihr Weggehen aus diesem Kontext und ihr Übersiedeln bis nach Berlin, ist das neue Buch dem Sein der Autorin in Berlin gewidmet. Und im Gegensatz zu den beiden ersten Büchern ist dieses Buch in meiner Lesart eher essayistisch angelegt – die einzelnen Episoden wären durchaus auch einzeln lesbar. In vielerlei Hinsicht schließt das Buch...

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Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter Ein äußerst flüssig geschriebener Roman, die mitunter richtig Spaß macht zu lesen. Doch halt! Was genau macht da Spaß? Das leise Lachen, was ich zu Beginn ab und zu hatte, weil mir alles in der Familie fast zu absurd vorkam, ist mit der Zeit mehr und mehr meinem Entsetzen gewichen – ich fand es teilweise fast unaushaltbar. Worum geht es also? Der Roman erzählt die Jahre 1983 bis 1986 aus der Sicht von Ela, einem am Anfang 4- oder 5-jährigen Mädchen, welches auf die Konstellation ihrer Eltern blickt. Nach einem Jahr kommt noch ein...

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Regina Scheer: Bittere Brunnen

Regina Scheer: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution Regina Scheer ist mir als Romanautorin sehr gut bekannt. Ihre Romane Machandel und Gott wohnt im Wedding schätze ich sehr, schildern sie doch große Geschichte an ganz konkreten menschlichen Schicksalen. Ähnlich verhält es sich auch mit Bittere Brunnen – dem Buch, mit dem Regina Scheer dieses Jahr den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Regina Scheer schildert in dem Buch das Leben von Hertha Gordon-Walcher, die sie persönlich kannte: sie war eine Freundin der Mutter und des Lebenspartners der Mutter. Sie gehörte zu den wenigen Bekannten, die Regina...

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Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen Drei junge Frauen, ungefähr Mitte 20, zwischen Aufbildung/Studium und beginnenden Karrieren (oder Nicht-Karrieren), treffen sich für ein paar Tage. Sie sind alle drei auf der Hochzeit einer früheren Bekannten eingeladen, mit der sie alle nicht mehr wirklich viel Kontakt haben. Zwei von ihnen, die Erzählerin Kasih und eine zweite Person, Hani, leben noch in der Stadt. Die dritte, Saya, lebt woanders und übernachtet nun ein paar Tage bei Kasih. Kasih schreibt sich ihre gemeinsame und getrennte Geschichte, ihr Aufwachsen in einer Siedlung, ihre Bildungsgeschichten und politischen Entscheidungen, ihre Ansichten, ihre Diskussionen und ihre Umgangsweisen mit Diskriminierungen...

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Alex Marzano-Lesnevich: The Fact of a Body

Alex Marzano-Lesnevich: The Fact of a Body Eigentlich lese ich keine Thriller. Aber in einer Buchrezension fand ich das Grundsetting der Erzählung so spannend und das Wissen darum, dass Alex eine non-binäre Person ist, so stark, dass ich mich trotz Thriller-Ankündigung doch dazu entschieden habe, das Buch zu lesen. Um es direkt vorweg zu nehmen: ich habe es nicht bereut. Was auch daran liegen mag, dass ich bezweifele, dass es sich um einen Thriller handelt. Der Roman von Alex Marzano-Lesnevich diskutiert für mich eine wichtige, gesellschaftlich äußerst relevante Frage: Welche Instanzen können darüber bestimmen, welche Erzählung in der Gesellschaft von...

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Mithu M. Sanyal: Identitti

Mithu M. Sanyal: Identitti Eine Professorin in postkolonialer Theorie an der Universität Düsseldorf, die sich als PoC ausgibt und einen Kultstatus besitzt, wird als weiße Person enttarnt. Das Entsetzen ist groß. Unter anderem bei einer ihrer zentralen Schülerinnen – Nivedita -, die als PoC mit einem indischen Vater potentiell ähnliche Diskriminierungserfahrungen gemacht hat wie ihre gerade 'enttarnte' Professorin mit Namen Saraswati. Nivedita, die durch Saraswati die eigene diskriminierte Situation analysieren und verstehen gelernt hat, die die Komplexität von intersektionalen Diskriminierungen von Gender und Race für sich selbst aber auch für die Gesellschaft angefangen hat, analytisch, theoretisch und persönlich zu erfassen,...

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