Aya Cissoko: Ma

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Aya Cissoko: Ma

Für wex zum Lesen zu empfehlen?
Für Menschen, die sich mit der Wahrnehmung einer anderen, nahestehenden Person – in diesem Fall – der Mutter aus Sicht der Tochter – beschäftigen wollen. Für Menschen, die Lust haben auf differenzierte respektvolle Schilderungen auch schwieriger Situationen. Für Menschen in Trauer über den Verlust der eigenen Mutter und Inspiration dazu, wie sich trauernd und schreibend dem eigenen Leben mit dieser Person genähert werden könnte.

Aya Cissoko ist berühmt dafür, dass sie 2006 Amateurboxweltmeisterin geworden ist. Viele wissen auch über das jähe Ende ihrer Karriere durch einen Halswirbelbruch. Viele kennen den Roman danbé von Aya Cissoko, der auch verfilmt worden ist. Ma ist also der zweite Roman. Es ist eine Hommage an die eigene Mutter und zugleich eine Erzählung des Lebens mit der eigenen Mutter von der eigenen Geburt an bis zu dem Tod der Mutter. Es ist ein Buch über Würde. Wie diese herausgefordert wird und wie sie lebensbestimmend sein kann. Es ist ein Buch ein Leben zu finden und zu leben zwischen Mali im eigenen Inneren und Frankreich als äußere Notwendigkeit. Es ist ein Buch über das lange Unverständnis und die Fremdheit zwischen Mutter und Tochter, die die Tochter schreibend über die Zeit wieder zurückholt ins eigene Leben, eine Vertrautheit schreibend schafft und der Mutter so ein literarisch äußerst beeindruckendes Denkmal setzt.

Das Buch endet mit dem Ende der Mutter und geht von dort aus dann ganz zurück zu dem Beginn der gemeinsamen Geschichte. Die Mutter kam in den 70er Jahren aus Mali nach Frankreich mit ihrem Mann. Dieser und auch eine Schwester von Aya Cissoko kommen bei einem gelegten Brand ums Leben – nicht nur an dieser Stelle ist das Buch äußerst berührend in Bezug auf die Darstellung des Kindes und seinen Erinnerungen. Noch ein weiterer Bruder stirbt an einer zu spät erkannten Hirnhautentzündung. Aya und die Mutter bleiben übrig von dieser Kernfamilie sowie ein weiterer Bruder. Dann kommen (und gehen) mehrere Männer im Leben der Mutter.

Zu Beginn war ich bestürzt von der Schroffheit der Mutter gegenüber der Tochter, ihrer Unnachgiebigkeit, einer Klarheit und Prinzipientreue, die verletzend, unnötig und manchmal ungerecht auf mich wirkte. Erst im Verlauf des Romans konnte ich verstehen und nachvollziehen, wie sie versucht hat den eigenen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie es selbst gehabt hat. Meine Bewertungen dazu, wie eine Mutter mit ihrem Kind umzugehen hat, haben sich als statisiert – geboren und lebend in Deutschland und weiß – nicht diskriminiert durch Rassismus – beim Lesen selbst entlarvt. Das Buch hat mich so also im Lesen in eine größere Akzeptanz unterschiedlicher Verhaltensweisen von Eltern gegenüber ihren Kindern entlassen bzw. ich durfte verstehen, wie stark meine Normen und Werte, wie Menschen sich zu verhalten haben, geprägt sind durch umfassende strukturelle Privilegien, die ich normalisiert und zu allgemeinen Grundsätzen erhoben hatte.

Das Buch ist schroff geschrieben, die Liebe zwischen Mutter und Tochter drückt sich im Laufe der Zeit immer stärker aus – immer stärker wird das Buch zu einer Hommage an eine Mutter, die einen Spagat versucht zwischen Mali und Frankreich mit den jeweils unterschiedlichen Lebensformen und kulturellen Vorstellungen ihrer jeweiligen Gemeinschaften. Die Mutter stellt sich unglaublich beeindruckend und unnachgiebig gegenüber patriarchalen Anmaßungen auf und verliert nicht – und das ist ihr zentral – ihre Würde – selbst in Situationen und im Angesicht von feindlichen Anrufungen. Die Klarheit, mit der die Mutter ihr Leben lebt und ihren eigenen Idealen treu bleibt und diese an die eigene Tochter weitergibt, sind äußerst beeindruckend.

Was sonst noch?
Ma ist ein sehr beeindruckendes Buch, welches eine posthume Annäherung an die Mutter in einem differenzierten und liebevollen Schreib-Blick macht und mich als lesende Person auf diese auch traurige und schwierige Reise mitnimmt. Die Würde, die der Mutter immer wieder in ihrem Leben versucht wurde zu nehmen, ist ihr in diesem Buch als Hommage und literarisches Zeugnis von der Tochter (zurück)gegeben worden. Das Buch eröffnet einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf eine vielleicht auch schwierige Beziehung. Das ist sehr beeindruckend und sehr inspirierend.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

Aya Cissoko (2017): Ma. Heidelberg: Wunderhorn.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags Das Wunderhorn

Link zum Eintrag über Aya Cissoko auf der Verlagswebsite

Copyright Coverfoto: Verlag Das Wunderhorn