Worum geht’s?
Ein Mensch stirbt, weil er von einem Hammer, der von einem über ihm befindlichen Balkon auf ihn niedergeht, erschlagen wird. Schnell ist für uns als Lesende deutlich: der Hammer ist nicht von dem arabischen Bauarbeiter, der den Balkon einer jungen jüdischen Familie in Israel renoviert, auf eine unten gehende jüdische Person fallen gelassen worden, sondern das 2-jährige, kurz unbeaufsichtigte Kind, hat diesen Hammer über den Rand des Balkons geschoben. Schnell ist sich die umliegende Gemeinschaft einig dazu, dass der arabische Bauarbeiter den Hammer als Mordwerkzeug genutzt hat. Und es bedarf eines längeren Anlaufs für die wissende Mutter des Kleinkindes, erst vor ihrem Ehemann und dann öffentlich zu bezeugen, dass er es nicht war.
Aus dieser Ausgangssituation entspannen sich mehrere Handlungskonsequenzen und Erzählfäden – die der jüdischen Kleinfamilie, die nach Nigeria umzieht, wo der Vater des Kindes eine neue Stelle annimmt; die Geschichte des Vaters des gestorbenen Jugendlichen, und von diesen Ausgangsszenarien noch viele weitere Fäden, die zusammenhängen und gleichzeitig ein breites Netz ausspannen dazu, wie Menschen in konkreten Situationen mit Gewalt und der Konfrontation mit Gewalt Anderer in ihrem näheren Umfeld umgehen – wie auch mit historischer und politischer Gewalt. Und wie alle diese sich über Jahrzehnte im eigenen Leben abgelagerten Entscheidungen sich gegenseitig verstärken.
Wie war mein Leseerlebnis?
Ungebetene Gäste ist vom ersten bis zum letzten Moment spannungsgeladen und eröffnet in der Erzählung immer weitere Kreise der Verstrickung von Menschen in Gewaltsysteme. Sowohl konkrete Menschen sind ungebetene Gäste, die sich in die eigene Normalität und Bequemlichkeit einlagern und diese sprengen und deutlich machen, wo diese Normalität bedingt ist durch Gewaltverhältnisse. Auch die Herausforderungen, die Menschen dadurch durch und mit ihrem eigenen Leben erleben, sind ebenso ungebeten. Und führen zu Flucht, Nicht-Hinsehen, einfachen Schuldzuweisungen, Akzeptanz von richterlichen Entscheidungen ohne eigenes Gewissen, Verdrängen und Verschieben. Alles das spielt der Roman vielschichtig und genial durch und verwebt so die Leben und Entscheidungen von Menschen vielschichtig.
Sehr empfehlenswert – sehr auch für Lesekreise und überhaupt, um mit anderen hinterher über den Roman reden zu können in Bezug auf das eigene moralische Empfinden und Handeln.
Was sonst noch?
Was mich beim Lesen verstört und irritiert hat, ist die Darstellung von heterosexuellem Sex in dem Roman. Ich kann es als ein Vorführen von patriarchal, normalisiert gewaltvollem Sex lesen – ob dies so beabsichtigt war, zweifle ich eher an. Und auch, wenn Ayelet Gundar-Goshen so unglaublich präzise und gekonnt Machtverhältnisse, Privilegien und ihre Wirksamkeit vorführt in all ihrer Subtilität, ist der Roman in Bezug auf Hetero-Sex alles andere als subtil. Für mich hätte eine einzige dieser Stellen gereicht, um cis-männliche heterosexuelle Ignoranz, Objektifizierung von Frauen und die komplette Abwesenheit von der Idee, dass Sexualität Ausdrücken von Lieben sein könnte, vorzuführen. Vielleicht also normalisiert der Roman diese Ebene eines paarnormativen Gewaltverhältnisses – mit dem hier nicht vorweg erzählten Ende ist diese Interpretation ebenso plausibel wie eine kritische feministische Leseart möglich ist.
Jenseits dessen: Wie alle Romane von Ayelet Gundar-Goshen kreist auch dieser Roman um die Schwierigkeit ein verantwortungsvolles Leben zu führen. Welchen Menschen sind wir verantwortlich? Und was heißt das für unser konkretes Handeln? Wie gewichten wir die Verantwortung, die wir gegenüber unterschiedlichen Menschen haben? Welche priorisieren wir und welche ignorieren wir? Wie stark setzen wir uns auseinander mit der historischen Verantwortung als privilegierte Menschen? Wie verhalten wir uns zu unserer eigenen moralischen Verantwortung jenseits von Gesetzesnormen? Alles das sind Fragen, die der Roman vielschichtig und komplex aufwirft – und den Lesenden eröffnet, sich mit sich selbst dazu zu beschäftigen auf der Grundlage der Lektüre.
Ein wichtiger, zu tiefen Reflexionen anregender Roman.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste. Kein&Aber
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Copyright Coverfoto: Kein&Aber Verlag