Celeste Ng: Kleine Feuer überall

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Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Kleine Feuer überall. So klein, dass sie häufig erst mal nicht zu merken sind. Gelegt aus Frust, Verzweiflung, Trauer, als Kommunikationsangebot. Zunächst kleine Feuer, ist am Ende aber das ganze Haus abgebrannt. So auch in der Rahmenerzählung des neuen Romans von Celeste Ng. Am Ende, was zugleich der erzählte Anfang des Romans ist, steht die Familie Richardson, Vater Anwalt, Mutter Lokalreporterin und drei der vier Kinder im Teenage-Alter, vor den abgebrannten Ruinen der Familienvilla in einem reicheren Viertel des Ortes Shaker Heights, außerhalb von Cleveland. Alle bis auf eins der vier fast erwachsenen Kinder der Richardsons stehen dort. Das letzte und jüngste, Izzy, welches, so vermutet der Rest der Familie, den Brand wohl gelegt haben wird, ist nicht anwesend und alle haben direkt eigene Vorstellungen davon, wo Izzy gerade ist und warum sie das getan haben könnte.

Ausgehend von dieser in der Schwebe befindlichen Situation entspannt Celeste Ng eine Geschichte um komplexe folgenschwere, häufig verborgene und doch deutlich spürbare Lebensentwürfe. Eine Geschichte von Entscheidungen, die Menschen treffen und wie diese für die einzelnen unmerklich, komplex miteinander verbunden sind und am Ende, was nur ein weiterer Schritt auf dem Weg ist, in das brennende Haus münden. Dieses Lebensknäuel entflechtet Celeste Ng in ihrem spannend aufgebauten und sehr gut geschriebenen Roman, wo hinter heil wirkenden Fassaden nach und nach mehr und mehr Feuer aufflackern. Eine wichtige Dimension ist die Unterscheidung davon, was Menschen konkret machen und das, was sie anderen davon erzählen sowie die Frage, wie andere es jeweils, vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte, unterschiedlich einlesen. Alle diese Ebenen müssen in keiner Weise zusammenfinden und genau daraus ergibt sich eine Spannung von Zuschreibungen, Vorhaltungen und Geschichten, die in dem Roman aufgefächert werden.

Wie auch schon im ersten Roman von Celeste Ng, ‚Everything I Never Told You‘ (dt.: ‚Was ich euch nicht erzählte‘, erschienen bei dtv) entfalten sich im Erzählen der Zeit vor dem Villabrand unterschiedliche Wahrnehmungen auf ein- und dieselbe Situation. Beim Lesen werden so auf einmal Handlungen nachvollziehbar, Reaktionen verständlich, die zunächst dies alles gar nicht sind. Celeste Ng vermag es in brillant erzählter Weise deutlich zu machen, dass die Entscheidungen, die Menschen treffen, von vielen unterschiedlichen Faktoren genährt sind – und hilft den Personen, die ihre Romane lesen, zu der Einsicht, dass Situationen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können.
Die sehr unterschiedlichen Motivationen zu eigenen Handlungen müssen den Personen selbst gar nicht unbedingt alle bewusst sein. Warum führt Mia, die Mieterin einer Wohnung der Richardsons und zugleich ihre Haushaltsangestellte, eigentlich aber eine begnadete Fotografin, die in ihren Bildern komplexe Geschichten erzählt und nichts dem Zufall überlässt (auch eine Metapher für die Wahrnehmung von Handlungen im Roman), ein wanderndes Leben mit nur kurzen Zeiten an Orten, bevor sie mit ihrer Tochter Pearl, die gleich alt wie die Kinder der Richardsons ist und sich mit einigen von ihnen anfreundet, wieder weiterzieht? Shaker Heights, die sorgsam durchgeplante und nicht wild gewachsene Stadt, sollte ein Wendepunkt in diesem Leben sein, Mia wollte für Pearl an einem Ort bleiben. Ein Ort der Vorausplanung.

Neben der Frage der komplexen Handlungsmotivationen, die Einfluss nicht nur auf das eigene Leben, sondern auch auf das anderer hat, sind es vor allem zwei weitere Themen, die den Roman durchziehen: Welche Rolle spielt Herkunft, welche Normen gibt es für familiäre Zugehörigkeit und was sind wir im Verhältnis zu anderen, die wenig von uns wissen und die Lücken vermutlich mit ihren eigenen Vorstellungen füllen? Diese Themen, alle eng miteinander verknüpft, werden in dem Roman wie in einem Krimi anhand der Themen Rassismus, Klassismus, biologische Abstammung und Vorstellungen von Familie und Kultur verhandelt. Shaker Heights, die geplante gediegene Siedlung, ist dabei fast so etwas wie ein Idealbild der USA ‚in a nutshell‘. Die kleinen Feuer sind überall. Und manche von ihnen werden zu alles zerstörenden Bränden.

Celeste Ng hat mit ihrem zweiten Roman wieder eine brillante Gesellschaftsanalyse auf der Ebene des Handlungsvermögens von Individuen geliefert. Es ist eine große Stärke von Celeste Ngs Romanen gesellschaftliche Strukturen in individuellen Schicksalen zu kristallisieren und dabei die Rolle des Kommunizierens zu einem Dreh- und Angelpunkt des sozialen Begegnens zu machen. Der Roman ist ein großes Lesevergnügen und regt zum eigenen Nachdenken über Themen wie Zugehörigkeit, Reproduktionsmedizin und nicht zuletzt Rassismus an. Absolut empfehlenswerte Lektüre!

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Celeste Ng (2018): Kleine Feuer überall. München: dtv.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags dtv

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Copyright Coverfoto: dtv