Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

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Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

Für wex ist das Buch zu lesen zu empfehlen?
Das Buch ist krass. Jede Seite ist voll von direkter und indirekter, subtiler, direkter, persönlicher, selbstgefälliger, legitimierter, verschleierter, unverhohlener Gewalt. Das war für mich richtig anstrengend zu lesen. Das Buch hat mich herausgefordert und diese Herausforderung halte ich für sehr produktiv – auch das massive Lesen von Gewalt in seiner ungebrochenen, von den Ausübenden gar nicht als solche wahrgenommenen Form und die Fragen, die ich mir als Person mit weißen Privilegien in dieser Gesellschaft damit stellen kann.

Es ist jetzt zwei Wochen mindestens her, dass ich ‚Das Volk der Bäume‘ zu Ende gelesen habe. Wie auch in dem zweiten und zuerst auf deutsch erschienen Roman von Hanya Yanagihara ‚Ein wenig Leben‘ hat auch der erst im letzten Jahr auf deutsch erschienene erste Roman von 2013 einen äußerst nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Ich brauche länger als bei anderen Romanen, um mich soweit zu sortieren, um irgendetwas zu dem Roman schreiben zu können – was trotzdem – und das gilt für beide Romane – doch nur ein Bruchstück dessen ist, was an Komplexität und Themen hier aufgemacht und verhandelt wird. Fange ich also mit ein paar Themensträngen an, die ich hier wahrgenommen habe.

Wenn ich nicht schon vorher eine Kritik an der Institution Nobel-Preis und Naturwissenschaften, hier speziell westlicher Schulmedizin gehabt hätte, der Roman hätte es mir nicht erlassen, dies nun kritisch zu sehen. Letztendlich ist dieser Ausschnitt ‚Medizin‘ und seine Herstellung als individuelle Genialität des Entdeckens in Laboren aber nur stellvertretend für eine Kritik an westlichen Wissenschaftsvorstellungen insgesamt, an westlichen Vorstellungen von Zivilisation, Ethik und Werten und letztendlich an westlich geprägtem Mensch-Sein, welches sich selbstgefällig immer wieder re_produziert.

Dies wird für mich deutlich in der ungebrochenen Darstellung des Romans aus der Perspektive von zwei weißen Cis-Männern, beide Mediziner und in der medizinischen Forschung tätig. Der Roman besteht aus der Autobiografie des einen – Norton Perina, später in seinem Leben Nobelpreisträger und tätig in der medizinischen (Labor)Forschung mit ‚Feldausflügen‘. Diese Aufzeichnungen, die das Buch ausmachen und eine chronologische Lebenserzählung aus Sicht von Norton Perina sind, der sich selbst immer mal wieder als gar nicht so besonders herstellt oder auch als genial, diese Aufzeichnungen sind gerahmt von dem Prolog und Epilog seines Schülers und Laborassistenten, der später auch selbst Medizinprofessor geworden ist.

Dieser hat das Schreiben der Memoiren durch Norton Perina im Gefängnis initiiert und die chronologische Lebensdarstellung dann mit zahlreichen erklärenden Fußnoten versehen herausgegeben (diese Form der Darstellung alleine wäre schon eine längere Rezension wert – wie sich Darstellungen hier durch Doppelungen re_produzieren und verstärken, wie Vorstellungen autorisiert und wissenschaftlich belegt werden). Das zusammen ist der Roman.

Wie schon in ‚A little life‘ hat mich die ungebrochene Perspektive von Cis-Männern angestrengt – und gleichzeitig, das verstehe ich, ist sie unabdingbar für die Aussagen zur Entwahrnehmung struktureller Gewalt durch die Vormachtstellung privilegierter Perspektiven.
 Erzählt wird eine koloniale weiße typische Entdeckungsgeschichte medizinischer und anthropologischer Forschung aus Sicht einer Person, die dies nicht hinterfragt, sondern in dem Erzählen der eigenen Involviertheit zugleich die Normalität von Gewalt brutal vorführt – gerade auch in der punktuellen Abgrenzung von bestimmten Vorstellungen von Gewalt, die als eventuell juristisch zu ahnden hergestellt werden. Ich lese den Roman in Bezug auf diesen Aspekt als ein Zeugnis weißer männlicher Selbstlegitimierung und Arroganz mit tödlichen Effekten auf denjenigen, die zu Objekten der Forschung degradiert werden. Nicht nur den Menschen, sondern auch der Gewalt an Natur übrigens.

In einem weiteren inhaltlichen Strang erzählt der Roman den Wunsch nicht nur nach räumlicher unendlicher Expansion weißer westlicher Menschen und Wissenschaften, sondern auch der Beherrschung von Zeit – durch die Entdeckung einer Möglichkeit zu Unsterblichkeit. Alleine schon die langsam im Verlaufe des Romans stattfindende Veränderung der Darstellung dieser Entdeckung und dem Versuch sie pharmazeutisch ökonomisch auszunutzen ist bewundernswert: Bewundernswert für die Form der Darstellung und der subtilen Verschiebungen von Wahrnehmungen, die die lesende Person antizipieren kann beim Lesen und auf diese Weise hineingezogen wird in ein System von Forschung, Normalität und Ethik.

Der Roman lässt mich zurück mit einem großen Unwohlsein über den unglaublich tiefen Umfang von Kolonialrassismus und Genderismus, der sich in den vielschichtigen Erzählungen selbstlegitimiert und beim Lesen potentiell kritisch wahrgenommen werden kann. Die lesende Person wird dabei kontinuierlich verführt die eigenen Grenzen von Ethik und Moral zu modifizieren – oder eben herausgefordert sie nicht modifizieren zu lassen. Dies bedarf einiger Anstrengung in einem Gefühl der Unfassbarkeit, Irritation und des Ekels zu bleiben. Die Geschichte aus Sicht von Norton Perina nämlich stellt diese Frage erst zu einem Zeitpunkt, zu dem schon sehr viel Gewalt ganz grundlegend normalisiert worden ist.

An diesem Punkt letztendlich ist der Roman also nicht nur eine Kritik am System Medizin, sondern auch am System Recht – Foucault hätte seine Freude. Es wird vorgeführt, wo die Gesellschaft Gewaltdefinitionen ansetzt, welcher Positionierung geglaubt wird und welche rechtlichen Konsequenzen dies hat. Auch dies ist letztendlich nur eine weitere von vielen Spuren, die der Roman für eine Selbstreflexion eigener Involviertheiten in strukturelle Gewaltsysteme anbietet. Nicht zuletzt auch – und dies ist bei weitem nicht die letzte der spannenden Ebenen, die hier aufgemacht werden, eröffnet der Roman den selbstkritisch-lesenden Blick auf Erzählungen und die gewaltvollen Normalitäten und Ausschlüsse, die sich in ihnen befinden und durch sie re_produziert werden. Der Roman zwingt dazu, kontinuierlich Stellung zu beziehen beim Lesen, sich selbst zu fragen. ob ich eigentlich an irgendeinem Punkt anfange, strukturelle Gewalt zu normalisieren, kleinzureden bzw. zu -lesen.

Was sonst noch?
Der Roman eröffnet im Lesen der Selbsterzählung einer anderen Person die Möglichkeit der kontinuierlichen kritischen Selbstbefragung: Welchen historischen und aktuellen politischen Geschichten sitze ich auf, welche glaube ich? Was sind die Prämissen und Bedingungen medizinischen Wissens und medizinischer Kompetenzen, denen ich glaube? Wo nehme ich das Zusammenspiel aus Genderismus, Klassismus und Kolonialrassismus wahr? Wie kann ich das Lesen aushalten, ohne eine Position und Argumentation, auf die ich mich selbst zurückziehen kann, die ein Ort der Ruhe sein könnte? Nicht nur hier trifft sich ‚das Volk der Bäume‘ mit dem zweiten Roman ‚A little life‘.
Dies alles, in seiner großen Komplexität und der Anstrengung, die dieses Lesen ohne Frage ist – es ist kein Vergnügen und soll es sicherlich auch nicht sein – ist in einer so unglaublich differenzierten und genauen Sprache mit ganz eigener Bilderwelt geschrieben, dass ich diesen Roman als ein unbedingtes Muss für das Lesen erlebe. Ich empfehle den Roman aufgrund der in ihm so eindrücklich geschilderten Unhintergehbarkeit von Gewalt auf keinen Fall. Ich empfehle den Roman aufgrund der Möglichkeit genau dieses strukturelle gewaltvolle Unhintergehbarkeit zu fassen, sie wahrzunehmen und in ihrer Komplexität verstehen zu können auf jeden Fall!

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Hanya Yanagihara (2013): Das Volk der Bäume. Berlin: Hanser Literaturverlage.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags Hanser

Link zum Wikipedia-Eintrag von Hanya Yanagihara

Copyright Coverfoto: Hanser Literaturverlage