Worum geht’s?
Die Erzählerin Imke Müller-Hellmann beobachtet von ihrem Zimmer in Bremen aus Mauersegler, die dort jedes Jahr neu den Sommer verbringen. Sie fängt an, sich mit den Vögeln, ihrem Zugverhalten und ihrem Leben zu beschäftigen und erzählt von ihren Flugrouten und ihrem Verhalten. Mauersegler leben in der Luft und landen nur, um zu nisten – an den immergleichen Nistplätzen. In dem Recherchieren von Imke Müller-Hellmann zu den Mauerseglern begegnet sie so verschiedenen Menschen in Deutschland, die sich um die Nistplätze der Mauersegler bemühen. Von Anfang an verknüpft die Autorin ihr Interesse an den Mauerseglern mit dem Erzählen von Spuren von Kolonialismus und Rassismus an den Plätzen in Bremen, an denen die Mauersegler nisten und die auf Straßen und in einem Viertel liegen, welches geprägt ist durch eine Kolonial-Handels-Vergangenheit wie auch Gegenwart in den Straßennamen und Denkmälern dort. So wird das Erzählen über das Leben der Mauersegler auch zu einem Erzählen der Menschen an den verschiedenen Orten mit ihren kolonialistischen Normalitäten und Kontinuitäten. Im hinteren Teil des Buches dann fährt die Autorin zu einem der Orte, an dem die Mauersegler wahrscheinlich den europäischen Winter verbringen, nach Sansibar. Und auch hier begegnet sie wenigen Mauerseglern und vielen Menschen und menschlicher Geschichte. Das allerletzte Kapitel ist wieder in Bremen geschrieben – Imke Müller-Hellmann hat Long-Covid in einer schwereren Form und kann nur ganz kurz jeden Tag etwas schreiben und nutzt diese wenige Zeit, um die Erzählung der Mauersegler zu einem berührend-poetischen Ende zu bringen.
Wie war mein Leseerlebnis?
Ich habe das Buch richtig gerne gelesen. Ich habe sehr viel über Mauersegler gelernt und das menschliche Bedürfnis alle Wege des Vogels nachzuvollziehen. Und ich habe viel Konkretes über den Umgang mit Kolonialismus in Bremen gelernt wie auch an den Orten, an denen die Mauersegler den europäischen Winter verbringen. Die Berichte über den mörderischen Kolonialismus sind sehr klar und sehr anerkennend für die Lebenswünsche, -weisen und Widerstandskämpfe Indigener Bevölkerungen in verschiedenen Teilen des afrikanischen Kontinents. Vielen konkreten einzelnen Personen gibt das Buch so ein würdevolleres Gedenken, als es in Deutschland bisher der Fall ist. Imke Müller-Hellmann bringt gekonnt und spannend sowie konkret die Regionen vom europäischen und afrikanischen Kontinent zusammen und zeigt anhand des Vogelflugs wie des menschlichen Kolonialismus, welche Spuren und Gewaltnormalitäten beides durchzieht. Weder zu den Mauerseglern noch zu vielen Indigen-afrikanischen Widerstandskämpf*erinnen gibt es ein differenziertes Wissen im weißen Wissenskanon. Das Buch vermag beides zusammenzubringen.
Was sonst noch?
Das Buch ist sehr angenehm und leicht zu lesen, auch wenn es sicherlich nicht ein großer literarischer Wurf ist. Das soll es vielleicht auch gar nicht sein. Ihm ist aber etwas gelungen, was nur selten zu lesen ist: Es ist ein Buch, das mit einer selbstverständlichen Klarheit nicht Diskriminierungsstrukturen normalisiert indem es sie unter den Tisch fallen lässt, sondern zu einem expliziten und häufig auch tragenden Teil der Darstellung macht, die zunächst ja so klingt, als würde es sich um einen ausschließlichen Bericht des Zugverhaltens der Mauersegler handeln. Die Klarheit und Selbstverständlichkeit, mit der die Autorin die gesellschaftliche, geopolitische und historische Situation als Kontextualisierung hier gleichzeitig mit erzählt, ist hervorragend, um zu zeigen, wie alles heute in Kolonialismus verwoben ist und kolonialistische Effekte hat.
Damit ist dieses Buch ein beeindruckendes und fesselnd zu lesendes Zeugnis einer politischen Klarheit und eines tierbezogenen großen mitfühlenden Interesses.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
Imke Müller-Hellmann – Der Zug der Mauersegler. Unterwegs zwischen Kontinenten. Osburg Verlag
Link zum Roman auf der Verlagsseite
Copyright Coverfoto: Osburg Verlag