Worum geht’s?
Der Roman folgt in einzelnen Teilen jeweils unterschiedlichen Tierpersonen durch einen Abschnitt von kis Leben: Kati und Mona, zwei Hundepersonen, einer Scharlachkardinal-Person in einem Kapitel, das überschrieben ist mit ‚Zwischen Bäumen vom Weg abkommen‘, und einer Käferperson im Kapitel ‚Auf der Erde umherwandern.‘ Es folgen noch weitere Kapitel, in der die Tierpersonen in unterschiedlicher Reihenfolge noch mal vorkommen und sich begegnen. Dazwischen eingewebt sind einzelne Menschen, die mit den Tierleuten Kontakt haben, mit ki leben, sich um ki kümmern oder ki auch nur kurz einmal wahrnehmen und kurz darüber nachdenken, ob sie für das Leben der Tierperson verantwortlich sind und in welchem Verhältnis sie zueinanderstehen. Die Erzählstimme nimmt alle Lebewesen – Tier- wie Menschenwesen – als gleich wichtig und erzählt aus kis Perspektiven. Das wird auch durch Fragen erzählerisch umgesetzt an Punkten, wo das Wahrnehmen aufhört und das Interpretieren anfängt. Denn die einzelnen Lebewesen können sich nicht selbst äußern dazu, wie sie eine Situation empfinden. So wie der Roman irgendwo beginnt – bei einer Tierperson, bei einer konkreten Situation – so endet er auch irgendwo – ganz wie der Titel es auch ausdrückt: Für kurze Zeit nur hier. Auf diese Weise wird auch eine Erzählstruktur gebrochen, die sich an menschlichem Leben orientiert.
Wie war mein Leseerlebnis?
Der Roman ist für mich ein unglaublich berührendes Leseerlebnis. María Ospina Pizano vermag es, das Lebend- und Lebendig-Sein von einzelnen Tieren so nahezubringen in dem sehr vorsichtigen, sanften Erzählen, dass dies eine starke Verbindung mit dem Leben und Erleben von Tierpersonen schafft. Ich fiebere mit der Scharlachkardinal-Person mit: Ob ki in kis Zug nach Südamerika im nordamerikanischem Winter überlebt und welche Gefahren ki erlebt. Ich habe Mitfühlen mit Kati, einer frisch adoptierten Hundeperson, als ki zum ersten Mal die Großstadt verlässt und überwältigt ist von Gerüchen von Nebelwäldern und wilden Gärten – und vielleicht Mona, eine andere Hundeperson im Tierheim vermisst. Oder auch den Menschen Luis, mit dem Kati auf der Straße in Bogóta gelebt hat. All das ist vorsichtig formuliert, in Frageform sofern es menschliche Interpretationen von Fühlzuständen und Motivationen sind, die die Tierpersonen haben könnten, und nicht zuschreibend. Und eröffnet ein zuhören zu Tierpersonen, welches nicht einfach menschliche Wahrnehmungsweisen in ki legt. Wie nebenbei werden so auch einzelne Versatzstücke des Lebens von einzelnen Menschen geteilt, die genauso nur kurz aufscheinen und nicht im Zentrum der Erzählung stehen. Auch wenn die einzelnen Kapitel auch als Erzählungen lesbar sind, sind sie doch alle miteinander verknüpft, gibt es kurze örtliche Überschneidungen der verschiedenen Tierpersonen des Romans. Ich habe nur wenige so vorsichtig tastende Bücher gelesen und noch keins, welches ohne menschliche Vereinnahmungen und Projektionen es vermag mögliche Perspektiven und Erlebniswelten von einzelnen Tierpersonen zu erzählen. Grandios!
Was sonst noch?
Der Roman macht an vielen Stellen wie nebenher deutlich, welchen Einfluss menschliches Agieren auf Tierleute hat. Beispielsweise in Bezug auf Asfaltierungen, Rodungen von Wäldern, Klimawandel, Sein in der Großstadt, Autofahrten, Geräusche durch Sprengungen… – und zeigt gleichzeitig auch auf, dass der menschliche Orientierungs- und Ordnungssinn so komplett abweicht von tierischem Verhalten und Wahrnehmen. Wenn Nationalgrenzen für Menschen gewaltsame Mauern bedeuten und die Zugvogelperson über sie hinwegfliegt. Wenn eine Autofahrt in einer Plastiktüte uneinschätzbar und anstrengend ist für eine Käferperson. Wenn das Auflösen einer Ansiedlung von Wohnungslosen in einem Park in einer Großstadt traumatisch für eine Hundperson ist, kis Bezugsmensch von der Polizei abtransportiert wird. Wie nebenbei wird durch den Roman damit auch menschliches Verhalten als sonderbar, skurril und für Tierleute verletzend und verstörend dargestellt. So zum Beispiel ganz implizit auch menschliche Vorstellungen und Normierungen von Reproduktion. Der Einfluss menschlichen Lebens auf Tierleute wird so vorgeführt in all seiner potenziellen Gewalt durch Unachtsamkeit und menschliche Normsetzungen.
Ein äußerst lesenswerter, Perspektiven erweiterender und Achtsamkeit herstellender Roman.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
María Ospina Pizano – Für kurze Zeit nur hier. (2025). Zürich: Unionsverlag
Übersetzung aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Link zum Roman auf der Verlagsseite
Copyright Coverfoto: Unionsverlag