Mirinae Lee Die acht Leben der Frau Mook. Unionsverlag

Worum geht’s?

In den acht Kapiteln des Buches entfalten sich acht Phasen eines fast 100-jährigen Lebens der Protagonistin Frau Mook. Vom ersten Leben 1938 bis zum achten um 2015 entfächert sich ein umfassendes Szenario der nord- und südkoreanischen sowie teilweise chinesischen Geschichte dieser Zeiträume, zu denen auch mehrere Kriege gehören, entlang des Lebens von Frau Mook. Während die letzten drei Kapitel chronologisch angeordnet sind, sind die Kapitel davor mit Zeitvor- und -rückspürngen konzipiert.

Die Erzählperspektive ist außer beim Prolog und dem letzten Kapitel die Ich-Erzählerin Frau Mook. Sie fasst zu Beginn ihr Leben in acht verschiedenen Rollen zusammen: Sklavin, Fluchtkünstlerin, Mörderin, Terroristin, Spionin, Geliebte, Mutter und Hochstaplerin. Die Rahmenhandlung ist in einer Senior*innenresidenz in Südkorea, nahe an der nordkoreanischen Grenze angesiedelt. Frau Mook lebt dort, fast hundertjährig, in einem Zimmer zusammen mit einer weiteren Frau auf der Station für Alzheimer-Patient*innen. Im Kontakt mit der Nachrufeschreiber*in der Residenz erzählt sie dieser ihre Lebensgeschichte. Prolog und das achte Leben bilden diesen erzählerischen Rahmen.

Wie war mein Leseerlebnis?

Der Roman ist in einem für mich sehr angenehmen erzählerischen Ton, die Rahmenhandlung hat mich direkt in den Roman reingezogen und mir eine Tür eröffnet zu den nachfolgenden, teilweise komplett unterschiedlichen Lebensphasen von Frau Mook. Diese geben insgesamt  einen tiefen Einblick in die sehr komplexe historische politische Situation zwischen Nord- und Südkorea. Die ganze Zeit über ist der Roman sehr spannend erzählt und es war schwer ihn aus der Hand zu legen. Auch ist das Szenario so komplex, dass ich es gut fand, immer zeitnah weiterzulesen, um nicht durcheinander zu kommen mit den Orten und Personen, den unterschiedlichen Namen und Rollen, die die Protagonistin im Laufe ihrer Geschichte hatte.

Besonders mochte ich auch die Querverbindungen, die sich manchmal fanden und einen erweiterten Blick auf zuvor Geschildertes gaben, wie zu dem 5. Leben im ersten Kapitel, wo die Rolle der Ich-Erzählerin geistähnlich gewesen ist. Dies und vieles andere klärt sich erst im Laufe des Romans auf und ergibt dadurch ein noch komplexeres Bild der persönlichen wie politisch-historischen Situation.

Die Spannung, die beim Lesen entsteht durch die unterschiedlichen, immer auch gefährlichen Lebensumstände und risikoreichen Handlungen, machen das Leseerlebnis fast zu einem Krimi. Bis zum Ende gibt es immer wieder neue Einblicke und Volten in das Leben von Frau Mook. Das Buch hatte keine Längen für mich und war ein absolut spannendes vielschichtiges Leseerleben.

Was sonst noch?

Der Roman gibt – als Teil der süd/nordkoreanischen Geschichte – sehr genaue Einblicke in die in Kriegen angewandte sexistische Strategie der Ausbeutung von frauisierten Menschen. Dies wird eindrücklich erzählt und war für mich eine plastische Darstellung der Logiken von Krieg und des damit einhergehenden Sexismus mit seiner brutalen Gewalt. Beim Lesen habe ich durchaus Verzweiflung in mir gespürt dazu, wozu Menschen fähig sind – wie Menschen miteinander umgehen und welche Gewalt Patriarchat und Nationalismus herstellen, normalisieren, hinnehmen.

Mirinae Lee schafft es in dieser harten und gewaltvollen politischen Struktur mit Frau Mook eine äußerst starke Frau zu porträtieren, die zugleich klug und durchhaltefähig, zart und empathisch agiert und sich nicht durch extrem schwierige Verhältnisse brechen lässt. Ein sehr gelungener, sehr rund erzählter Roman, der stellvertretend durch die Protagonistin vielen Frauen* eine Stimme und ein Gedenken gibt.

[Rezension von Lann Hornscheidt]

Mirinae Lee Die acht Leben der Frau Mook. (2025). Zürich: Unionsverlag

Übersetzung aus dem Englischen von Karen Gerwig

Link zum Roman auf der Verlagsseite

Copyright Coverfoto: Unionsverlag