Regina Scheer: Bittere Brunnen

Regina Scheer: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution

Regina Scheer ist mir als Romanautorin sehr gut bekannt. Ihre Romane Machandel und Gott wohnt im Wedding schätze ich sehr, schildern sie doch große Geschichte an ganz konkreten menschlichen Schicksalen. Ähnlich verhält es sich auch mit Bittere Brunnen – dem Buch, mit dem Regina Scheer dieses Jahr den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Regina Scheer schildert in dem Buch das Leben von Hertha Gordon-Walcher, die sie persönlich kannte: sie war eine Freundin der Mutter und des Lebenspartners der Mutter. Sie gehörte zu den wenigen Bekannten, die Regina Schweer als Kind auch wahrnahmen. Auch als erwachsene Person hielt sie den Kontakt.

Hertha Gordon-Walcher ist überzeugte Sozialistin/Kommunistin, und hat ihr Leben dem sozialistischen Projekt der Gleichheit aller Menschen, der internationalen sozialistischen Revolution gewidmet. 1894 geboren und 1990 gestorben umspannt ihr Leben ein Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und der Auflösung der DDR, in der sie wohnte.

Regina Scheer gelingt es mit ihrem Buch, mit wenig Bewertungen das als Geschichte zu formulieren, was Hertha Gordon-Walcher ihr erzählt hat im Laufe ihrer langen Bekanntschaft. Immer wieder zu Hause angekommen, notiert Regina Scheer auf kleinen Zetteln, was ihr erzählt wurde und fügt dies, ergänzt um eigene Archivrecherchen, zu einer Geschichte des 20. Jahrhunderts mit allen seinen gewaltvollen Verbrechen zusammen.

Für mich als westdeutsch sozialisierte Person war es eine umfassend lehrreiche Lektüre zu den Versuchen, kommunistische Ideale politisch in der Weimarer Republik und später in Deutschland zu verankern – und welche Volten dies geschlagen hat: mit dem Aufbrechen von Allianzen, einer immer weiteren Aufsplitterung sozialistischer Politik, einer Unvereinbarkeit sozialdemokratischer und kommunistischer Positionen ab einer bestimmten Zeit. Vieles kam mir gerade in Bezug darauf bekannt vor aus heutiger Zeit – ebenso Kriegsverherrlichungen, schnelle Regierungsveränderungen weg von demokratischen Prozessen, Kämpfe linker Politiken gegeneinander statt auf Gemeinsamkeiten zu setzen und Unterschiede stehen zu lassen.

Alle Teile – Weimarer Republik und erster Weltkrieg, die Nähe zu Clara Zetkin, zweiter Weltkrieg und Flucht nach Paris, Wiederaufbau und Hoffnung auf einen sozialistischen Staat in der DDR – alle einzelnen Teile sind unglaublich spannend. Und auch, wenn das Buch ein Sachbuch ist, habe ich es mit hoher Spannung gelesen.

Bisweilen war es mir nicht deutlich, ob es wirklich um das Leben von Hertha Gordon-Walcher geht oder um das ihres Mannes, Jacob Walcher, eines wichtigen Gewerkschafters und Sozialisten. Regina Scheer bleibt hier konsequent, indem sie das wiedergibt, was Hertha ihr erzählt hat und nicht eine eigene mögliche Geschichte ergänzt. Alle Interpretationen, die sie anstellt, macht sie deutlich, indem sie sie zum Beispiel als Fragen formuliert.

Die einzigen Stellen, an denen sie sich eine Meinung erlaubt, sind auch diejenigen, die mir zu schaffen gemacht haben: wenn es deutlich wird, dass es eine rein cis-männliche Welt, Geschichtsschreibung (!) sowie männliche Selbstdarstellung ist, in der Frauen keine Rolle spielen. Das arbeitet Regina Scheer hervorragend und frustrierend heraus, wofür ich ihr beim Lesen häufig dankbar war.

Viel geht es in dem Buch auch um abgebrochene Kontakte, die den politischen Idealen zum Opfer fielen, aber auch um lebenslang gehaltene Kontakte, die geprägt waren von einer Grundhaltung der Solidarität, die ich in dieser über fast hundert Jahre unverbrüchlichen Form noch nie so gelesen hatte.

Angemessen für die Fülle historischer Persönlichkeiten, die in dem umfassenden Buch (fast 700 Seiten) vorkommen, sind die letzten 100 Seiten ein Verzeichnis des Who is Who des 20. Jahrunderts sozialistischer Kämpfe. Viele der Namen habe ich hier zum ersten Mal gelesen, viele der Biografien haben einen großen Eindruck auf mich gemacht: Menschen, die für ihre sozialistischen Ideale eintreten und sie an erste Stelle stellen in ihrem Leben – und nicht persönlich-privates ‚Glück‘ über Familiengründungen, finanzieller Absicherung und Wohlstand.

Dieses Einstehen für die eigenen Ideale hat bei den Walchers – in meiner Lesart – in ihrer Lebenszeit in der DDR gleichzeitig auch zu einem bewussten Wegschauen zu Unrecht geführt, was sie dort durchaus mitbekommen haben, welches sie aber ihrem Glauben an die Idee und der Überzeugung, dass es sich um ‚Geburtsprobleme‘ eines neuen sozialistischen Staates handelt, klein geredet oder ignoriert haben – bis hin zu dem Hinnehmen der eigenen Erniedrigung durch den Staat, der ihnen lange das Parteibuch vorenthalten hat.

Das Buch ist für mich umfassend und unbedingt zum Lesen zu empfehlen. Sowohl als Geschichte von Hertha Gordon-Walcher, der ein würdiges Denkmal gesetzt worden ist und die ansonsten sicherlich verschwunden wäre aus der männlich dominierten Geschichtsschreibung, wie Regina Scheer kritisch anmerkt. Aber auch eine Geschichte des Sozialismus in Deutschland zwischen Weimarer Republik bis 1990 ungefähr. Und nicht zuletzt ein Kompendium politisch-aktivistischer Personen, die eingetreten sind für humanistische Ideale jenseits ihrer eigenen Bereicherung und Bequemlichkeit, jenseits von Statusarroganz und Pfründesicherung. Von letzterem gibt es natürlich auch einige in dem Buch. Nicht zuletzt auch macht das Buch deutlich, dass das Eintreten für politische Ideale auch zu Widersprüchen im eigenen Leben führen kann.

Was noch?

Hervorzuheben ist auch der allererste Teil, der dem ansonsten nach Kapiteln geordneten Buch vorangestellt ist. In diesem beschreibt Regina Scheer die Geschichte der eigenen Bekanntschaft mit Hertha Gordon-Walcher und gibt so eine Einschätzung dazu, wie das Buch zu lesen ist. Sie nimmt hier also eine persönliche Positionierung zu dem Geschriebenen vor, die ich in der Transparenz und methodischen Ausdifferenzierung vielen historisch-wissenschaftlichen Werken wünschen würde.

Als zweiten herausragenden Punkt möchte ich noch erwähnen, dass das gesamte Buch geprägt ist von einer Uneitelkeit – sowohl Hertha Gordon-Walchers als auch Regina Scheers: Es geht nicht um die beiden als Personen. Es geht um das Ideal des Sozialismus und wie dieses ein Leben über ein Jahrhundert prägen kann, mit allem Für und Wider.

Das drückt sich auch wunderbar in dem Zitat aus dem Buch aus, welches auch im Klappentext zu finden ist:

„Die einzelne Person, das begriff sie immer mehr, wird oft nicht erleben, wovon sie träumt. Und doch, das sagte sie sich immer wieder, darf mensch nicht aufhören zu träumen. Für die, die danach kommen.“ [Entgenderungen durch mich vorgenommen]

[Rezension von Lann Hornscheidt]

 

Regina Scheer (2023): Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution. München: Penguin.

Link zum Roman auf der Homepage des Verlags

Copyright Coverfoto: Penguin